Dienstag, 8. September 2009

Sternengarten

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Ihr Lieben, ich bin euch allen so sehr dankbar für eure gefühlvollen, tröstenden Zeilen! Es ist schön, so viele wunderbare Frauen zu kennen!

Heute möchte ich euch ein bisschen darüber erzählen, wie Niki zu uns kam, was er dadurch für eine zusätzliche Bedeutung für mich hat:
Als meine Tochter Jana sich ein Meerschweinchen wünschte, hatten wir bereits zwei Katzen und redeten ihr die Idee daher wieder aus - oder versuchten es zumindest (auch weil wir wussten, dass ein Meerschweinchen allein sich einsam fühlt, wenn es nicht ständig beschäftigt wird). Meine Eltern hingegen ließen sich weichkochen, und so kam Niki in deren Leben.
Zu Jana sagten sie: "Es gehört dir, auch wenn es bei uns wohnt - und du kannst es immer besuchen kommen."




Niki wurde von ihnen verwöhnt und betüddelt. Er bekam nur die leckersten (teuersten) Nagerstangen und Biogemüse und durfte täglich mindestens eine Stunde frei im Wohnzimmer herumlaufen. Dabei verliebte er sich in die pelzigen Hausschuhe meiner Mutter und rannte ihnen immer quiekend hinterher (wie Meerlis es nunmal beim Balzen machen). Ich weiß nicht, ob er den linken oder rechten Schuh lieber mochte - wahrscheinlich war er Bigamist!
Und mein Vater setze sich den kleinen Kerl abends beim Fernsehen auf den Bauch und kraulte ihn zwischen den Ohren. Er liebte das kleine Schweinchen - Niki war (neben dem Hund meines Bruders, mit dem er 2 bis 3 Mal pro Woche eine Wienerwaldrunde zog) eines der bevorzugten Gesprächsthemen seines letzten Lebensjahres. Aus diesem Grund kam Nikodemus nach dem Tod meines Vaters im Jänner 2007 sogar in der Trauerrede vor. Und in meinen Gedanken war er immer irgendwie mit meinem Vater verknüpft.

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Meine Eltern sind fast sechzig Jahre miteinander verheiratet gewesen. Entsprechend schlecht ging es meiner Mutter daher nach dem Tod ihres Mannes. Sie dachte, dass sie ihm hinterhersterben würde. Deshalb bat sie mich, Niki vorübergehend zu uns zu nehmen. Aus vorübergehend ist "für immer" geworden, auch wenn sich meine Mutter wieder erholt hat. Da Niki kein anderes Schweinchen gewöhnt war und wir nicht wussten, wie er reagieren würde (und wir außerdem nicht immer nach ein paar Jahren einem einsam zurückbleibenden Meerli einen neuen Partner "nachbesorgen" wollten) ist Niki allein geblieben. Das war vielleicht nicht so schön für ihn, doch wir haben uns bemüht, es ihm sonst so angenehm wie möglich bei uns zu machen. Ich hoffe sehr, dass es uns gelungen ist.



Nach dem Tod meines Vaters ließen wir in der Parte folgendes Gedicht von Welf Ortbauer drucken:

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Du bist gegangen

Du bist gegangen in den Sternengarten,
ruhst aus in einem Beet von Licht und Glück.
Nur uns, die stumm vor dessen Toren warten,
verbrennt der Wunsch, du kämst zu uns zurück.
Doch wenn wir DICH geliebt und weiter lieben,

nicht UNS und UNSER inn'res Sehnen,
dann fühlen wir: der Ort wo du geblieben,
ist deine Seligkeit. Grundlos sind uns're Tränen.


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Ich finde dieses Gedicht wundervoll tröstlich.



Meine Eltern waren bzw. sind keine wirklich konventionell denkenden und handelnden Menschen. Die angeblich so zutiefst Österreichische Wunschvorstellung von "ana scheen Leich" (also einer pompösen Beerdigungszeremonie und einer Neid erweckend grandiosen Grabstelle) fanden sie immer lächerlich. Als ich mit meiner Familie aufs Land zog, und Jana eines Tages ihrem Opa zeigte, wo sie jene toten Mäuse bestattete, die uns die Katzen gebracht hatten, meinte er: "Da will ich auch einmal begraben werden, direkt neben dem Komposthaufen. Da gehör ich hin!"
(Er war ein humorvoller Mann, und einer seiner Witze lautete: "Ich bin kein Grufti - denn wenn man so alt ist wie ich, ist man schon ein Komposti!")
Dass er - bzw. seine Urne - in unserem Garten bestattet werden sollte, war jedoch kein Witz - mein Vater wollte das wirklich, und nachdem wir uns einverstanden erklärt hatten, legte er diesen Wunsch sogar schriftlich fest: Er war immer gern von Natur umgeben gewesen und wollte das auch nach seinem Tod sein.

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Natürlich habe ich die Urne nicht neben dem Komposthaufen verscharrt. Ich habe einen kleinen Teil des Gemüsegartens - inspiriert durch das Ortbauer-Gedicht - zum "Sternengarten" erklärt, ihn mit Buchskugeln und Dickkmännchen bepflanzt (der Spitzname meines Vaters war "Dicky", da passten diese Pflanzen doppelt gut), ein Engel & Laternen mit Sternenmuster sowie das Herz, das ihr auf dem oberen Bild sehen könnt, schmücken die Stelle. Meine Mutter meinte vor kurzem: "Mei, ist das schön! Wenn ich nicht doch noch so gerne weiterleben tät, tät ich mich am liebsten dazulegen!"



Ich weiß nicht, ob es so etwas wie den Himmel oder das Paradies gibt. Ich habe zwar tiefen Respekt vor dem Glauben anderer Menschen, bin selbst jedoch im christlichen Sinne nicht gerade gläubig.

Kennen einige von euch den philosophischen Fantasyautor Terry Pratchett? Bei ihm habe ich irgendwann einmal (sinngemäß) gelesen, wenn du an das Paradies glaubst, wirst du nach dem Tod im Paradies weiterleben; wenn du an Walhall glaubst, wird dies dein ruhmreicher letzter Ruheort; glaubst du an nichts, kommst du ins Nichts (und der Typ, diese Romanfigur, die an nichts geglaubt hat, steht dann irgendwie im Leeren da und fragt sich, was das soll - das fand ich witzig ...).

Ich persönlich glaube nicht an "nichts", mir gefällt z.B. die Vorstellung, mit dem Universum eins zu werden... (oder vielleicht auch in einer anderen Form als jetzt mit dem Universum eins zu BLEIBEN).
Die Vorstellung eines Sternengartens gefällt mir ebenso.
Und mir gefällt die Vorstellung eines "Lebens VOR dem Tode" ;-)

Vermutlich hat der Tod für mich deshalb keinen so großen Schrecken, wie es eventuell klingt, wenn ich sage, dass ich traurig bin oder dass ich um Niki trauere.
Trauer ist immer in gewissen Grade auch ein (verständliches und legitimes) egoistisches Gefühl - eben ein Vermissen, ein sich nicht trennen wollen.
Oder auch das Fehlen alter Gewohnheiten: Wenn ich in Zukunft in den Kräutergarten gehe oder Salat aus dem Gemüsefach hole, brauche ich für Niki keine Extraportion Grünzeug mitzubringen. Wenn ich den Kühlschrank öffne, bleibt sein Quieken aus. Der Platz, wo sein Käfig stand, sieht leer aus...

Vor allem bei noch
jungen Menschen oder Tieren kommt dann außerdem das bedrückende Gefühl hinzu, dass es zu früh war, dass das jetzt noch nicht hätte sein dürfen, und Niki war noch nicht einmal vier...

Aber ich weiß: Wo auch immer Niki jetzt ist - in Gottes Armen, im Universum, im Meerschweinchenparadies, wo es Wiesen aus Basilikum gibt oder im Sternengarten - dass er dort jetzt keine Schmerzen mehr hat und sich nicht länger quälen muss. Und ich weiß, dass er - jedenfalls für ein Single-Meerschweinchen - ein ganz gutes Leben gehabt hat und geliebt worden ist.



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Ich grüße euch von Herzen!
Alles Liebe, Traude

Kommentare:

  1. ...liebe Traude, du gehörst zweifelsohne zu den Menschen, die ihre Gedanken so wunderbar in Worte fassen können, dass man einfach ergriffen ist vom Lesen oder zuhören. Vielen Dank, für diese wunderbare Geschichte; wie schön, dass der Wunsch deines Vaters wahr werden konnte. Bei uns gibt es Vorschriften, die das glaube ich nicht erlauben würden. Der Tod gehört nun mal zum Leben und es ist nur natürlich, ihn auch mit einzubeziehen. Leider wird das in unserer Gesellschaft immer noch gerne tabuisiert.....Danke für deine wunderbaren und ehrlichen Worte....ich denk an dich...
    LG
    Beate

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  2. Liebe Traude,
    was für ein schöner, liebevoller, einfühlsamer Bericht!!!
    Du hast wirklich ein großes Talent, Gedanken so hingebungsvoll aufzuschreiben, dass man gefesselt von deinem Schreiben ist.
    Das du den Wunsch deines Vaters erfüllen konntest, finde ich Wunderbar. Hier ist das leider nicht möglich...Schade...denn dieses ganze *Brimborium* finde ich für mich persönlich auch nicht gut...
    Dem kleinen Niki hast Du, habt Ihr, ein schönes Schweinchenleben geschenkt. Es ist auch ein gutes Gefühl wenn man sagen kann, dass man das bestmögliche getan hat.
    Ich wünsche Dir nun noch einen sonnigen Tag
    ♥-lichst
    biggi

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  3. ... ach traude ...
    dein posting heute hat mich sehr berührt,
    wirklich angerührt im herzen und ich finde eigentlich keine passenden worte dazu ...
    ich möchte nur sagen, dass du eine ganz liebe frau bist und das bisschen, was du über deinen vater geschrieben hast, zeigt, wo du herkommst und dein wesen herkommt ...
    menschen mit tiefe und humor sind so wunderbar ...
    drück dich , traude
    hugs mina

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  4. Hallo Traude, auch ich sitz da mit offenem Mund und ganz ergriffen.
    Das Gedicht treibt mir die Tränen in die Augen, weil ich an liebe Verstorbene denken muß.
    Das, was nachher kommt, weiß niemand.
    Ist sicher auch ganz gut so und nicht umsonst gewollt.
    Wir sollen offenbar im JETZT und HEUTE leben, und das Vor und das Nach bleibt irgendwie ein Rätsel.
    Persönlich denke ich aber, daß man nicht nur einmal ein Leben lebt.
    Hatte da ein Erlebnis vor 20 Jahren, das war so .......
    Ja, ergreifend und nicht begreifend.
    Da waren diese Fernsehgeschichten noch nicht.
    Vor 36 Jahren, als meine Mutter nach einem ihrer zahlreichen Herzinfarkte fast gestorben wäre, da hat sie mir erzählt, man solle sie nicht für verrückt erklären, aber sie sah das Licht....
    Jahre später ist das dann in aller Munde gewesen.
    Da hab ich immer an meine längstverstorbene Mutter denken müssen.
    Nein, ich glaube ganz bestimmt, daß nach dem Tod nicht alles vorbei ist.
    WIe das mit Tieren ist, weiß ich nicht.
    Ich finde den Gedanken, Menschen leben nicht nur einmal, schon kompliziert genug.

    Der Gedanke, wieviele Gelsen und Spinnen ich schon ins Jenseits gebracht habe und dann.....

    Die Geschichte von Deinem Vater und auch das Drumherum wird mich heute nicht mehr loslassen, das weiß ich.
    Es ist ein tröstlicher Gedanke.
    Auch ich wünsche mir, daß ich mal verbrannt werde.
    Der Gedanke a)vielleicht scheintot u.begraben zu sein......
    und b)langsam zu verfallen
    gefällt mir ganz und gar nicht.
    Meine Ziehmama, meine geliebte Teta (heißt Tante), habe ich auch verbrennen lassen.
    Es war ein "leichteres" Begräbnis als hinter einem Sarg hinterher gehen zu müssen und diese beiden oben erwähnten Gedanken waren mit ein Grund.
    -------------

    Danke, daß Du uns dies alles erzählt hast.

    Ich möchte da jetzt noch die Worte meiner Vorkommentatorin erwähnen:
    Menschen mit Tiefe und Humor sind wunderbar.
    Und auch ich drück Dich, Traude, Du schaffst das!
    Ganz liebe Grüße von Luna

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  5. Hallo Traude,

    What a beautiful story. You are quite a writer! How a little animal has played such an improtant part in your lives...You father must have been very special as well.

    Take care. Love, Madelief

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  6. Guten Morgen liebste Traude, ich habe bei deinem Post wieder gelacht und ein bißchen geweint - wie wundervoll Du schreibst - so voller Liebe und Wärme und trotz aller Traurigkeit, immer dem dir so eigenen, charmanten, wunderbaren Humor ! Das Gedicht ist sehr schön und wirklich sehr tröstlich und wird gleich notiert. Wie bezaubernd du von deinen Eltern berichtest ! Ich könnte dir hundert Sachen schreiben..werde das bei Gelegenheit (...) auf einem anderen Kanal noch nachholen...Schön, dass du uns von Niki erzählt hast ! Ich schicke dir ganz viele liebe Gedanken, Jessica

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  7. Hej,
    zuerst einmal zu eurem kleinen Schweinchen,es tut mir so leid, aber du hast die richtigen Worte dafür gefunden.
    * Weine nicht, weil ich nicht mehr da bin, sondern lache weil du mich gekannt hast!*

    Zu deiner 2.Frage, du kannst es über den Shop bestellen und wir ändern dann per Hand im Computer auf Versand 6,50. Du brauchst also statt der 19.- nur die 6,50 zu deiner Überweisung dazurechnen.

    Liebe Grüße
    Simone

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  8. Liebe Traude,

    es tut mir so leid mit Niki. Habe es eben erst gelesen. Auch wenn es kein wirklicher Trost ist, aber er hat jetzt keine Schmerzen mehr und vielleicht sitzt er gerade auf einer Wiese, frisst Löwenzahn und Melonen und schaut auf Euch herunter.
    *Niemals geht man so ganz - irgendwas bleibt immer*
    Dein Bericht über Deine Eltern ist sooo wunderschön und geht richtig unter die Haut.
    Ich werde Deinen Blog jettz gleich mal verlinken, dann verpasse ich nichts mehr.

    Viele liebe Grüße,
    Tanja

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  9. Guten Morgen Traude
    Dein Post hat mich sehr berührt,vor allem macht es einem bewußt,das alles im Leben vergänglich ist,da ich ja in einem Krankenhaus arbeite vielleicht sogar ein bisschen mehr..Aber es hat auch etwas tröstliches,wenn man so geliebt wird im Leben,egal ob man Mensch oder Tier ist,finde ich es nicht mehr so schlimm..)Es gibt soviele Menschen die diese Freude wie wir sie haben an großen und kleinen Dingen nicht erfahren dürfen!!!
    Das du die Urne deines Vares bei euch im Garten habt,finde ich wunderbar,so etwas gibt es leider bei uns nicht,viele Menschen würden sich das wünschen,nicht so unpersönlich wie diese trostlosen Urnenwände die es bei uns gibt..))
    Tröstlich ist auch euer Trauerspruch,wenn man auch im Moment der Trauer keinen Trost findet,aber Trauer ist auch sehr wichtig beim Abschiednehmen))
    Ganz liebe Grüsse..Petra

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  10. Meine liebe Traude,
    ich habe gerade deine Zeilen gelesen und bin ganz ergriffen. So schön hast du deine Trauer in Worte gekleidet. Das Gedicht zum Tode deines Vaters finde ich wunderschön und habe es mir gleich gespeichert. Gerne hätte ich meinen Vater auch in unserem Garten bestattet, hat er doch viel darin gewerkelt. Leider geht das in Deutschland nicht. Von ihm habe ich diese Liebe zum Land und zu den Pflanzen. Immer wenn ich dort schaffe, ist er bei mir und mir ganz nah. Auf dem Friedhof stellt sich so gar nichts bei mir ein. Leider musste er schon mit 59 Jahren sterben. Vergessen wird er nie!
    Zum Tode deines kleinen Schweinchens kann ich nur sagen: Wir haben einen Hündin mit Namen Ronja. Sie wird im Dezember 11 Jahre und war im letzten Jahr sehr krank (Krebs) Ich mag mir gar nicht vorstellenm das sie eines Tages nicht mehr da ist... sie gehört doch zur Familie und ist (fast) wie ein viertes Kind.
    Da werden einige Tränen fließen. Aber - noch ist es ja nicht soweit.
    Ich wünsche dir von Herzen, dass deine Trauer bald nicht mehr so arg weh tut und du mit Freude an den kleinen Kerl denkst, der euch so viel Freude gemacht hat.
    Ich drücke dich ganz ♥lich - Gabriele

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  11. Hello Traude! I'm very moved by your post! You wrote so nice words about your father's death and Niki. In Italy it's impossible to be buried in the garden...I lost my father 15 years ago...it'd have been sweet having him in the garden!
    A nice week end for you!
    Vale

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  12. Liebe Traude,
    ich habe jetzt erst die traurige Nachricht über Niki gelesen. Ach Traude, es tut mir so leid, dass Niki es nicht geschafft hat!
    mit Tränen in den Augen las ich auch die rührende Geschichte von Deinem Vater. All die schönen Worte, Anteilnahme, Deine Gedanken über Trauer und Verlust werden mich lange noch beschäftigen. Wie schön, dass der Wunsch von Deinem Vater erfüllt werden konnte, leider ist es bei uns in Deutschland gar nicht zulässig, obwohl es sich so viele wünschen.

    Bin traurig mit Dir und drück Dich ganz fest.


    IM GARTEN DER ZEIT WÄCHST DIE BLUME DES TROSTES!
    (Aus Rumänien)

    ...stille Grüsse, Kraft und Zuversicht
    wünscht PETRA

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